Esterka – überlebende der Shoa

Ich war ein fröhliches Mädchen, voller Leben und wie jedes Mädchen träumte ich von meinen Helden und Prinzen. Das Jahr 1939. Wir lebten in Warschau. Die Deutschen waren mit ihrem unbesiegbaren Marsch in Polen eingefallen. Über uns fielen Bomben. Ich sah Leichen in den Trümmern eingestürzter Häuser. Niemals werde ich diese Menschen vergessen, die noch atmeten und deren Augen um Hilfe flehten. Wir waren eingeschlossen. In der Leschno-Straße befand sich eine große Kirche. Während einer der großen Bombardierungen musste ich mich dort verstecken. Dort waren Polen, gläubige Juden und andere. Alle riefen und beteten zu Gott, zu irgendeiner höheren Macht und flehten darum, dass die Bomben auf leere Felder fielen. Und die Juden – ich kann mich wie heute an deren Worte erinnern (auf Jiddisch): „Of puste Felder, of puste Welder.“ Und wir blieben heil. Mit der Ankunft der Deutschen in Warschau fing für uns eine Zeit der Angst und Unsicherheit an. Und dennoch blieb die Hoffnung, welche Teil des Menschen ist, in den Seelen der Menschen, denn irgendwo tief im Inneren glaubte der Mensch an das Leben, weil er leben wollte. Aber später kam alles ganz anders. Wir wohnten in der Nolewki-Straße 13. Nach kurzer Zeit fingen die Deutschen an, die Häuser zu plündern und sich anfangs besonders über fromme Juden lustig zu machen, indem sie ihnen die Bärte abrissen, die Hüte runter rissen und sie zwangen, die schwersten Arbeiten zu verrichten.