Esterka – überlebende der Shoa

„Ljuba, Ljuba“, hörten wir durchs Fenster. Die Nachbarin rief meine Schwägerin. Sie kam mit einer guten Nachricht. Nach Luft schnappend erzählte sie, dass sie ihren Mann gesehen hatte, meinen Bruder Abraham. Er war an seinem Haus, seinem Grund und Boden, vorübergegangen, er und noch viele andere Gefangene. Die Deutschen begleiteten sie in die Kasernen „Falim“. Wie ich bereits erwähnte, grenzten die Kasernen an das Land, auf dem mein Bruder mit seiner Familie lebte. Offensichtlich hatte man ihn in der Stadt Bialystok, wo er studierte, in die Rote Armee eingezogen und womöglich ist er dann in Gefangenschaft geraten. Dies ist aber nur eine Vermutung. Die Wahrheit über sein Schicksal haben wir nie erfahren. Wir liefen gleich in die Richtung der Kasernen und nahmen dabei Lebensmittel mit, um diese an meinen Bruder weiterzureichen. Unterwegs erzählten uns viele Nachbarn, dass sie „Adasja“, so nannten sie Polen meinen Bruder, gesehen hatten und bestätigten damit noch diese Tatsache. Diese Nachricht verbreitete sich blitzschnell in ganz Lososna und schadete ganz offensichtlich meinem Bruder, denn als wir uns den Kasernen näherten, ließen sie uns noch nicht mal in die Nähe der Gefangenen, ungeachtet der heißen Tränen meiner Schwägerin und meiner Mutter. Völlig zerschlagen gingen wir wieder nach Hause. Seitdem hörten wir nichts mehr von ihm. Daher wissen wir nicht mit Sicherheit, welchen Todes er starb. Unser Leben in Ungewissheit und Angst ging weiter. Wir hofften auf ein schnelles Ende des Krieges und darauf, bis dahin in Lososna bleiben zu können. Aber es kam der Tag, als man uns wieder befahl, alles zurückzulassen und uns dann ins grodnosche Ghetto jagte. Und wieder fing die „Tulaczka“ an – die Vertreibung.