Esterka – überlebende der Shoa

Gegen Morgen kamen die Deutschen zusammen mit den Polen zu uns um uns mitzuteilen oder vielmehr zu befehlen, uns reisefertig zu machen. Man gab uns das Recht, unser ganzes Hab und Gut auf nur einen Wagen zu laden, sodass wir als ganze Familie nicht die Möglichkeit hatten, genügend notwendige Sachen für das weitere Leben mitzunehmen. Es war ein kalter, regnerischer Tag. Wir setzten uns auf den Wagen. Da wir aber so viele Personen waren, mussten wir einige gepackte Koffer wegwerfen. Von Zeit zu Zeit schlugen die Deutschen mit ihren Stöcken auf unsere Brüder ein und in unsere Richtung riefen sie: „Verfluchte Juden! Scheiße!“ Erniedrigt, wie wir waren, wehrten wir uns nicht, denn der Feind war stark und die Bevölkerung uns gegenüber feindlich gesinnt. Sie jagten uns bis zur Hauptstraße und mit unserer letzten Kraft gelangten wir bis zum Ghetto L2 in der Jerosolimskaja-Straße. Dort wurde uns ein kleines Zimmer zugeteilt und die Familie meiner Schwägerin bekam in einer anderen Straße ein Zimmer, etwas weiter von uns entfernt. Das Leben im Ghetto begann. Wir saßen fast anderthalb Jahre hinter Gittern. Die Deutschen trieben die Jugendlichen zur Arbeit außerhalb des Ghettos. Diejenigen, welche sich arbeitsbedingt außerhalb des Ghettos aufhalten durften, konnten sich einige Lebensmittel besorgen, was allerdings lebensgefährlich war.