Esterka – überlebende der Shoa

Ich möchte noch erwähnen, dass sich während der letzten Tage unseres Aufenthalts im Ghetto Gerüchte darüber verbreiteten, dass in Majdanek Juden ermordet und vergast würden. Daher verbreitete sich große Freude, als nach einem recht langen Halt am Bahnhof von Majdanek der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Unsere Freude war grenzenlos. Wir umarmten einander, weinten und freuten uns darüber, dass wir noch am Leben waren und in unseren gequälten Herzen auferstand wieder die Hoffnung.

Gläubige Juden priesen Gott und dankten ihm in ihren Psalmen dafür, dass er ihnen das Leben geschenkt hatte. Die Waggons fuhren immer weiter. Die Menschen waren in der Hölle. Einzig die Hoffnung, das Streben und die Gedanken waren unsterblich. Bei Warschau kam Bewegung in die Angelegenheit. Offensichtlich musste der Zug kontrolliert oder betankt werden. Da entschlossen sich einige junge Leute dazu, aus den Waggons zu fliehen und dabei ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Das war eine sinnlose Idee. Sogleich wurde das Feuer eröffnet, nicht um Leben zu erhalten, sondern um zu töten. Viele Juden wurden dabei erschossen. Einigen gelang die Flucht und somit, dem Tod für einige Zeit zu entgehen. Andere waren verwundet und wurden vor unseren Augen getötet. Meine Mutter war auch dafür, dass ich aus dem Waggon springe ohne zu ahnen, welcher Gefahr ich mich damit aussetzen würde. Offenbar sah sie mit ihrem mütterlichen Herzen den nahenden Tod voraus. Tief in meinem Herzen wollte ich auch mit diesen jungen Leuten fliehen (das war noch bevor sie losliefen), doch wie konnte ich meine geliebte, einsame Mutter der Willkür des Schicksals überlassen? Denn irgendwo tief in mir und in uns allen lebte noch eine kleine Hoffnung. Vielleicht sind wir auf dem Weg, um im Bergbau zu arbeiten? Ich bin doch noch jung und kann solange arbeiten, bis der Krieg vorbei ist. (Solche naive Gedanken hielten uns aufrecht.) Und die Deutschen brauchen ja junge Kräfte und damit könnte ich meine Mutter retten.