Esterka – überlebende der Shoa

Es war Nacht. Wir entschieden uns, uns der Grenze zu nähern, um wenigstens eine kleine Möglichkeit zu finden, diese zu überqueren. Um uns herum herrschte Stille. Es war kalter, frostiger Winter und Gefahr drohte uns von allen Seiten. Zwei junge Seelen, der Willkür des Schicksals preisgegeben – ohne Unterstützung und ohne Geld standen wir an der Grenze und warteten auf ein Wunder. Und irgendwo in unseren noch kindlichen Seelen nahm die Angst überhand, doch der Wunsch zu leben war stärker. Es gab kein Zurück! Wir beschlossen, lieber durch Geschosse russischer Soldaten zu sterben, als zu den deutschen Nazis zurückzukehren. Und plötzlich kam aus dem Gebüsch (wie im Märchen) der Engel des Lebens, allerdings mit meiner Waffe in den Händen. „Na, Mädchen, habt ihr vor, gegen das Gesetz zu verstoßen?“, fragte der Soldat. Er sah unseren ungezogen, furchtlosen Blick und war verwundert. Wir fingen an, ihn zu bitten und zu überreden, uns die Möglichkeit zu geben, in unsere Heimatstadt Grodno zurückzukehren. Das russische Herz des Soldatenmenschen zog sich zusammen. Vielleicht lag es auch an der Jugend und Schönheit unserer jungen Augen? Jung zu sein ist ein Geschenk der Natur. Hier siegte die Natur und schenkte uns wieder Leben.