Esterka – überlebende der Shoa

Der Zeitpunkt für den Zellenappell kam immer näher und ich hatte weder physisch noch psychisch die Kraft dafür. Doch die Mädchen flehten mich an: „Esther, halte durch, du bist doch noch so jung.“ Sie halfen mir von der Pritsche runter und bis zum Appell-Platz. Eine von ihnen färbte meine Wangen mit einer roten Beete, die sie von irgendwo her hatte. Ich möchte erwähnen, dass das äußere Erscheinungsbild der Gefangenen bei der Selektion eine große Rolle spielte. Wer schwach, blass oder etwas verletzt war wurde sofort für die Gaskammern aussortiert. Die Mädchen stellten oder schoben mich in die Mitte der Reihe. Von beiden Seiten passten sie auf, dass ich nicht hinfiel. Aber der Wunsch zu leben siegte. Nach dem Appell erklärte die Blockführerin, dass diejenigen, die sich schlecht fühlten, in der Baracke bleiben dürften. Viele, die noch unerfahren und schwach waren, erlagen dieser Versuchung und blieben in der Baracke, von wo aus sie in die Gaskammern kamen. Mich jedoch zwangen die Mädchen fast schon mit Gewalt, mit ihnen zur Arbeit zu gehen. Sie stützten mich von beiden Seiten und ich ging, ohne es wirklich wahrzunehmen, nicht realisierend, was mit mir und um mich herum geschah. Die Strecke erschien mir endlos, dennoch gelangte ich an den Arbeitsort. Aber auch hier spielte die kameradschaftliche Hilfe eine große Rolle für mein weiteres Leben im Lager.