Esterka – überlebende der Shoa

Solange die Mädchen in diesem Kommando arbeiteten, trugen sie keine gestreifte Kleidung, sondern zivile mit einem Stern auf dem Rücken. Sie konnten sich bei der Arbeit waschen – die SS forderte während der Sortierung der Sachen, welche sie später zu ihren Familien nach Deutschland schickten, Sauberkeit. Wir konnten uns weder waschen noch hatten wir Wechselkleidung. Ich schaute Esther an: Sie trug ein weißes Kopftuch, hatte schöne weiße Zähne, die ihr junges Gesicht erhellten. Ich sage: „Du hast schöne Zähne.“ „Ich bin gekommen, um dir zu helfen“, antwortete sie. „Was brauchst du?“ „Was ich brauche?“ Sie verstand und ergänzte: „Ja, du leidest in allem Mangel. Ich werde morgen unbedingt wiederkommen. Auf Wiedersehen.“ Am nächsten Tag war sie zur selben Zeit wieder da. Aus ihrer Oberbekleidung holte sie eine Zahnbürste und Zahnpasta, welche in transparentes Papier eingewickelt waren. Dann holte sie noch ein rosa Nachthemd raus. „Wenn es dreckig wird, wirfst du es weg“, sagte sie, „und ich bringe dir ein anderes. Dies ist für heute alles. Morgen bringe ich dir dann andere notwendige Sachen.“ Ich schaute auf die Dinge, welche sie mir in die Hände gelegt hatte und war beunruhigt. Wie sollte ich diese Dinge verstecken? Ich hatte keine Taschen und wenn ich die Sachen unter meiner Decke lassen würde, so würde ich sie nicht wieder finden. Während ich auf diese von mir so benötigten Sachen sah, dachte ich: „Dies alles gehört in ein Leben, das vergangen ist, in ein Leben, in dem man die Zähne putzt.“ Esther studierte mein Gesicht, das in erster Linie Befriedigung ausstrahlte. „Ich danke dir, Esther“, sagte ich, „du bist ein sehr gutes Mädchen.“ Sie antwortete: „Ich werde versuchen, früher zu kommen und wenn du, Charlotte, nicht müde sein wirst, werden wir uns etwas unterhalten.“ Sie reichte mir die Hand und lief schnell weg, wobei sie sich noch einmal lächelnd umdrehte. Es machte sie glücklich, mir geholfen und eine Freude gemacht zu haben.