Esterka – überlebende der Shoa

Im Lager herrschte eine andere, wesentlich primitivere Art der Massenvernichtung der Menschen. Neben dem Krematorium waren große, ausgehobene Gräben, angefüllt mit Holz. Das Holz war mit irgendeiner Flüssigkeit getränkt und da verbrannte man nicht nur die Toten, sondern auch noch halb lebende Menschen, ebenso Kinder, die während ihrer Ankunft in Auschwitz von ihren Müttern getrennt worden waren. Sie wurden einfach in diese Gräben geworfen. Ich war eine lebende Zeugin einer solchen grauenvollen Szene. Und das kam so:

Als ich und meine Lagerfreundin Eva Grünwald (Feldenkrais), die heute im Kibbuz „Lochamej haGeta`ot“ lebt, an einem herbstlichen Abend durch das Lager gingen, sahen wir etwas Furchtbares. Eine Flamme stieg empor und es schien, als würde das ganze Lager brennen. Wir beschlossen nachzusehen, was denn da los sei. Offensichtlich hatten die Mörder nicht genug Platz im Krematorium. Eva und ich waren uns einig, alles, was dort vor sich ging, mit eigenen Augen zu sehen. Wir stiegen auf das Dach einer Baracke um zu sehen, wozu die deutschen Faschisten fähig waren. Und wir sahen das grauenvollste Geschehen der ganzen Welt. Wir sahen, wie sie kleine Kinder ins Feuer warfen, wie ihre Körper sich bewegten. Betäubt von dem Grauen weinten wir, umarmten einander und schworen: Sollte eine von uns am Leben bleiben, dann würden wir dies niemals vergessen, vergelten und der Welt von all diesem unglaublichen Grauen erzählen. Wir wussten nicht, was uns erwartete. Der Tod herrschte überall! Plötzlich wurden wir bemerkt. Uns drohte Gefahr, der Tod, denn die Deutschen duldeten solche Zeugen nicht. Wir sprangen schnell vom Dach. Die „Kapo“ verfolgte uns. Wir rannten aus einer Baracke in die andere. Bei dieser Jagd ging es nicht um das Leben, sondern um den Tod. Zu unserem Glück hatten wir bereits Abenddämmerung und die „Kapo“ hatte uns entweder verloren oder keine Lust mehr, hinter uns herzulaufen. Den Grund haben wir nie erfahren. Endlich gelangten wir halbtot in unsere Baracke. Nachts schliefen wir abwechselnd, denn es schien uns, dass wir immer noch vom Tod bedroht wurden. Zusätzlich störten uns auch noch die Mäuse. Und so verbrachten wir in dieser unvergesslichen Nacht unsere Wache in „Gesellschaft“ von Mäusen. Unsere Angst war für eine lange Zeit um ein vielfaches verstärkt worden und nur durch ein Wunder verloren wir nicht unseren Verstand…

Jetzt, 40 Jahre später, beschreibe ich diese grauenvollen Szenen, damit die Welt von diesen Gräueltaten erfährt.