Jüdisches Waisenhaus

8) Ehemaliges jüdisches Waisenhaus

Standort: Warburger Straße (früher Leostraße)/Ecke Husener Stra ße.

In der Leostraße 3, an der Ecke zur Husener Straße stand das jüdische Waisenhaus für die Provinzen Westfalen und Rheinland. Das Gebäude wurde am 27. März 1945 bei dem großen Bombenangriff zerstört. Ein Teil des Grundstücks wurde beim Ausbau der Kreuzung Husener Straße verwendet, der verbliebene Teil ist heute Garten und Spielplatz der benachbarten Blindenschule. Im Eingangsbereich der Westfälischen Schule für Blinde erinnert seit dem 5. März 1990 eine von dem Oelder Bildhauer Werner Klenk geschaffene Stele an das ehemalige jüdische Waisenhaus.

Der breite Sockel der Stele symbolisiert die Stärke der jüdischen Bevölkerung vor dem Holocaust. Blüten am Fuß der Stele erinnern an die letzten 20 Waisenkinder, die von Paderborn in Vernichtungslager deportiert wurden. Sieben vom Sockel ausgehende Linien, von stilisierten Flammen verdeckt, sowie ein halbierter Davidstem im Schlußteil der Stele verweisen auf die Verfolgungsgeschichte der Jüdinnen und Juden in Deutschland, ein Relief im oberen Teil der Stele auf das ehemalige jüdische Waisenhaus.

Auf der einen Seite der Stele informiert ein kurzer Text: Hier war von 1863 bis 1942 das Jüdische Waisenhaus. Auf der anderen Seite der Stele mahnt der Vers 14 aus dem 10. Psalm des Alten Testaments Zu Dir wendet sich der Verlassene. Den Waisen warst Du stets ein Helfer. Dieser Vers stand als Eingangsspruch über dem jüdischen Waisenhaus.

Zur Geschichte des jüdischen Waisenhauses

Begründerin des jüdischen Waisenhauses in Paderborn war die Erzieherin Fanny Nathan. Ihr Engagement führte 1855 zur Gründung einer Stiftung und 1861 zur Grundsteinlegung für das Waisenhaus. Am 1. August 1863 zogen 21 jüdische Kinder in das Haus, das am 29. August eingeweiht wurde und das ab 1864 auch eine Elementarschule erhielt. Diese einklassige Schule führte dann in der Weimarer Republik zum Volksschulabschluß.

In den Jahren nach der Machteinsetzung der Nazis veränderten sich die Arbeit des Waisenhauses und der Schule entscheidend, die in dieser Zeit unter der Leitung von Liese Dreyer standen. Zum einen wurde das Waisenhaus mit seinem Synagogenraum, insbesondere nach der Zerstörung der Synagoge 1938, religiöses Zentrum der verbliebenden jüdischen Gemeinde. Zum anderen wurden die Kinder und jugendlichen zunehmend auf die Auswanderung vorbereitet, was 1936 auch als Aufgabe in der Satzung verankert wurde.

Ab 1940 wurde das Waisenhaus zur Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die vor den faschistischen Verfolgungsmaßnahmen auf der Flucht waren. Mittlerweile war das Waisenhaus der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ eingegliedert worden. Die Stadt Paderborn zwang diese 1942, das Waisenhaus weit unter Wert an den Kreis Paderborn zu verkaufen, der es dann ab dem Juni 1942 der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ zur Verfügung stellte.

Am 26. Mai 1942 verließen die letzten 20 Kinder das Waisenhaus zusammen mit ihrem Lehrer David Köln, am 11. Juni 1942 folgte ihnen Liese Dreyer nach Ahlem bei Hannover. Dort befand sich eine jüdische Gartenbauschule, in der auch Jugendliche aus Paderborn auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet worden waren. Seit 1941 aber benutzten die Nazis diese jüdische Einrichtung als Sammelstelle für Deportationen in die Vernichtungslager.

Es ist davon auszugehen, daß fast alle Kinder und Jugendlichen, die in den Jahren bis zur Schließung im Waisenhaus gelebt hatten sowie ihre Lehrer und die letzte Leiterin, Liese Dreyer, in Theresienstadt und in Auschwitz ermordet worden sind.

 

Jüdisches Weisenhaus

Ortskerkundung
Stätten der Nazi-Verfolgung in Paderborn

Klaus Himmelstein (Hrsg.)