KURT STEINITZ

KURT STEINITZ: Auschwitzüberlebender mit der Häftlingsnummer 105041. „lch war das vorletzte Kind von 6 Kindern des jüdischen Ehepaars Steinitz in Hindenburg/OS, wo ich am 14.01.1907 geboren wurde. Meine Familie hatte in meinem Heimatort ein Fuhrunternehmen mit Pferdewagen, Lastwagen und Taxis. Unsere Familie war nicht zionistisch gesonnen, aber ich ließ mich von der Jewish Agency überreden, Landwirtschaft (als Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina) zu lernen. Damals gab es in Deutschland eine ganze Reihe jüdischer Gutsbesitzer, und auf jenen Gütern sollten wir jungen Leute ausgebildet werden, um dann in Palästina Pionierarbeit zu leisten, und ich kam zur Ausbildung auf das in der Slowakei gelegene Gut der Deutelbaumsi. Da ich gelernter Schlosser war und schon immer hart gearbeitet hatte, machte mir das Arbeiten keinen Verdruß, aber verwöhnte Kinder jüdischer Akademiker taten sich recht hart damit, nun körperliche Arbeit tun zu müssen. Nachdem aber 1933 alle Deutschen aus der Slowakei ausgewiesen worden waren, lebte ich von 1933 bis 1938 wieder in Hindenburg und arbeitete im elterlichen Betrieb, bis dieser enteignet wurde.

Am 9. November 1938, in der Progromnacht, warnte ein Nachbar mich und holte mich in sein Haus, wo ich drei Tage blieb. Nachdem sich das öffentliche Leben wieder normalisiert hatte, kehrte ich in mein Elternhaus zurück, kam dann 1939 im Zuge der Hachsharah nach Neuendorf (bei Fürstenwalde) und später nach Obersdorf (Kr. Lebus), wo die Ausbildung für die Auswanderung nach Palästina weiter fortgesetzt wurde. Zu der Zeit war mein Bruder, Walter Steinitz, Mitarbeiter am Aufbau des Arbeitslagers am Grünen Weg in Paderborn, und er forderte mich als Arbeitskraft an. Das Lager unterstand der Gestapo, die aber der Stadt Paderborn die Arbeitskräfte aus dem Lager zur Verfügung stellte. Ich war wegen meines Handwerkerstatus im Lager für Reparaturen zuständig.

1942 heiratete ich die Mitinsassin im Lager, Sophie Schlaume. Später war ich bei Syring im Getreidesilo tätig, bis wir Lagerinsassen 1943 gemeinsam nach Auschwitz abtransportiert wurden, wobei alle Insassen des Arbeitslagers geschlossen nach Bielefeld gebracht wurden. Dort stellte die SS dann den Transport nach Auschwitz zusammen. An der Rampe von Auschwitz sah ich meine Frau zum letzten Mal.

Ich kann nur immer wieder versichern, daß die ersten Tage in Auschwitz die allerfürchterlichsten waren. Man erkannte sich selbst nicht mehr mit dem kahlgeschorenen Kopf und in dieser KZ-Kleidung … dazu die Rohheit der Kapos und Blockältesten … Viele Häftlinge liefen einfach an den elektrischen Draht, der das KZ-Lager umzäunte, um sich zu töten. Mein Blockältester war auch sehr brutal und schlug mich, aber einige Tage nach meiner Ankunft im KZ Auschwitz bekam ich Hilfe vom Blockältesten einer anderen Baracke, was für mich an ein Wunder grenzte. In diesem Häftling erkannte ich einen bekannten Hindenburger Mörder, von dem ich in meiner Heimatstadt schon gehört und gelesen hatte. Mir jedoch half er, indem er dem Stubenältesten meiner Baracke drohte, daß „es ihm schlecht würde“, wenn er mich noch einmal schlüge. Seitdem hatte ich vor dem Rohling Ruhe. Jener >BVer< (grüner Winkel = Berufsverbrecher) rettete mich auch noch auf eine andere Weise, indem er mir über einen Kapo (der wegen Wehrkraftzersetzung in Auschwitz war) zu einer Arbeit als Schlosser verhalf, bei der wir in einer geschlossenen Halle arbeiteten, wo man der Witterung nicht so ausgesetzt war.

Im Januar 1945 wurde ich mit Tausenden von Häftlingen aus Auschwitz auf den berüchtigten Todesmarsch nach Gleiwitz geschickt. Von dort wurden wir überlebenden KZ-Häftlinge nach Nordhausen im Harz transportiert, wo wir im KZ Mittelbau >Dora< an der V 2 arbeiten mußten. Im März wurde das Lager Nordhausen wegen der vorrückenden alliierten Truppen geräumt und nach Bergen-Belsen transportiert. Diese Fahrt dauerte wohl 4 oder 5 Tage, und sie war die Hölle… Der Mensch verroht in solchen Situationen….

Es sind im Waggon viele gestorben, und die Leichen wurden einfach übereinandergestapelt, und wir Lebenden setzten uns darauf. In Bergen-Belsen wurden wir KZ-Häftlinge von den englischen Truppen befreit. Aus Dokumentationen über jene Befreiung des Lagers Bergen-Belsen geht ja hervor, wie entsetzlich es dort gewesen ist. Das ganze Lager lag voller Verhungerter, voller Skelette und Leichen. Und mitten drin suchten die noch-Überlebenden irgendwo nach Eßbarem … Nach der Befreiung haben die Engländer an uns Essen verteilt, aber viele der Ausgemergelten konnten nach diesem ständigen Hungern das Essen nicht mehr vertragen, aßen es heißhungrig und starben in kürzester Zeit. Da ich nach meiner Befreiung nicht in meine Heimatstadt Hindenburg zurückkehren konnte, weil Oberschlesien von Polen besetzt war, und da wir Chaverim (Freunde) aus dem Arbeitslager am Grünen Weg uns verabredet hatten, uns in Paderborn zu treffen, falls wir überleben würden, und da ich auch sonst kein Ziel hatte, habe ich mich nach Paderborn begeben und suchte nach den Freunden. Von meinen Familienangehörigen wußte ich nichts. Die Listen der Überlebenden wurden jedoch in der ganzen Welt bekannt gemacht, möglicherweise auch weltweit in Zeitungen, und so erhielt ich überraschend einen Brief von Mutter und Schwester aus Brasilien. Sie hatten in einer Zeitung meinen Namen gelesen, und ich erfuhr dann durch meine Mutter, daß mein Bruder Walter, der mit mir im Arbeitslager in Paderborn gewesen war, mit dem letzten Transport auf dem Schiff Patria nach Israel gerettet wurde. 1948 fuhr ich zu meinem Bruder Walter nach Israel, wo inzwischen auch meine Mutter aus Brasilien eingetroffen war.

1952 heiratete ich in Israel. Meine zweite Frau stammte aus Danzig, und da sie das Klima in Israel nicht vertrug, kehrten wir 1957 nach Deutschland zurück und nahmen in Paderborn unseren Wohnsitz.

 

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