Esterka – überlebende der Shoa

Zu dieser Zeit war es schon kalt. Wir fuhren mit unterschiedlichen Transportmitteln, gingen zu Fuß und erreichten endlich den Fluss Bug. Und da stellte sich heraus, dass wir nicht die einzigen waren. Dort waren viele Menschen – erschöpfte Flüchtlinge, die ihr Leben retten wollten. Alle flohen vor den deutschen Faschisten. Natürlich gewährte die sowjetische Regierung vielen Zuflucht und rettete damit die Leben vieler Menschen. Dann aber änderte sich deren Politik und zu unserem Unglück verschloss sich der Weg in die Freiheit. Die Russen entschieden, keine Flüchtlinge mehr über die Grenze einreisen zu lassen. Diese menschliche jüdische Tragödie kann ich mit Worten nicht beschreiben. Die Juden befanden sich sozusagen zwischen Feuer und Wasser. Viele mussten umkehren, denn der Wunsch zu leben war stärker. Es gab auch Menschen, die unterwegs starben und einige, die sich sogar in den Fluss Bug stürzten, weil sie die Hoffnung und den Glauben verloren hatten.

Ich weiß nicht, was mit mir geschah, denn die Gefahr nicht ganz verstehend, handelte ich entgegen aller Gefahren und dank meiner Sturheit und meines Mutes entschieden meine Schwester Rachel und ich zu bleiben, komme was wolle. Es gab kein Zurück! Also konnten wir nur bis zum Letzten um die Freiheit kämpfen. In mir war irgendeine Kraft, über die ich heute noch erstaunt bin. Wo kam diese Kraft her? Vielleicht hatte mir einer meiner Vorfahren den Mut vererbt.