Esterka – überlebende der Shoa

Einige Mädchen nahmen die Decken von den Pritschen mit und bedeckten sich mit ihnen, wenn sie zum Appell antraten. Dafür mussten sie mit dem Leben bezahlen. Die Deutschen lachten uns aus, denn unser Erscheinungsbild glich nicht dem eines Menschen. Sie trieben uns an und verletzten mit ihren niederträchtigen Ausdrücken unsere feinsten Gefühle. „Verfluchte Juden! Schießen!“ Diejenigen von uns, die das überlebten, behielten für immer diesen grauenvollen Zellenappell in Erinnerung. Während des Zellenappells bekam man unglaubliche Szenen zu sehen. Gestrige Schönheiten, junge Mädchen, verwandelten sich zu Monstern, lebenden Leichen. Während des Appells durfte man weder Husten noch die kleinste Bewegung machen, denn in der Luft herrschte der Tod. Wir alle zitterten vor Kälte und Angst. Und der Appell dauerte recht lange. Nach dem Appell wurden wir durchgezählt und wenn die Anzahl passte und alle an ihrem Platz waren, wurden wir zurück in den Block getrieben. Wir waren neu, unerfahren und verstanden die Gesetze dieser riesigen Todesfabrik noch nicht. Etwas später am Morgen fingen wir an, die anderen Gefangenen, welche bereits eine gewisse „Frist“ auf dem Buckel hatten, auszufragen: „Wo sind unsere Mütter, Väter, Brüder, Schwestern, Verwandten? In welchem Lager sind sie?“ „Schaut“, sagte eine von ihnen, „dort, hinter dem Maschendraht, brennen unsere Lieben.“ Wir schauten auf die Rauchschwaden, die sich über den Gaskammern von Birkenau erhoben und „lebten“ weiter, jede Minute das gleiche Schicksal erwartend.