Esterka – überlebende der Shoa

Charlotte Delbo erzählt: „Ich schlief schon fast, als meine Nachbarin in der Baracke mir zu verstehen gab, das man mich im Hof rief. Ich fragte: „Wer?“ „Eine Kleine vor der Baracke, neben der Tür.“ Ich ging raus – ein junges Mädchen stand da. Offensichtlich kannte sie mich nicht und ich kannte sie auch nicht. Ich sah mich um – die mit dreckigem Schnee bedeckte Straße vor mir, welche unsere Baracke abtrennte, war leer. Das Mädchen war allein. Ich sah sie an. Sie trug zivile Kleidung. Sie sah mich an und sagte in Deutsch: „Bist du Charlotte Delbo?“ „Ja, das bin ich.“ „Ich heiße Esther. Ich weiß, dass du eine Kameradin bist.“ Misstrauen stieg in mir auf. „Woher weißt du das?“ „Das sage ich dir später“, sagte Esther. „Hör zu, Charlotte, wir haben wenig Zeit, bald findet schon der Lager-Appell statt und da ist es verboten, von einer Baracke zur anderen zu gehen und bei Verstoß droht die Todesstrafe.“ Niemand durfte auf den Straßen des Lagers unterwegs sein. Sie schossen dann auf alles, was sich bewegte. Esther war klein, mit Wangen wie Äpfel. Ihr Alter betrug 20 Jahre oder sogar weniger. Die Haare sauber und „gut“ gekleidet. Offensichtlich verstand sie meine Verwunderung und wurde verlegen. „Ich arbeite im „Effekts” .Das war ein Kommando, welches alle Sachen aus den jüdischen Transporten sortierte, die auf der Rampe blieben. Aus jedem Transport wurden junge, gesunde Mädchen für diese Arbeit ausgesucht, die anderen wurden in die Gaskammern geschickt.