Esterka – überlebende der Shoa

Und wieder drohte uns Gefahr. Morgens versteckte uns die Hausherrin auf dem Dachboden und dort verbrachten wir fast 24 Stunden, bis sich im Umfeld alles beruhigte. Erst am nächsten Morgen brachte uns die Hausherrin etwas zu essen und begleitete uns aus dem Haus. Wir machten uns in Richtung der nächsten Bahnhofsstation auf (die Gefahr war vorüber). Dort stießen wir auf viele Flüchtlinge. Der Weg war frei und die Fahrten waren gratis. Mit dem ersten einfahrenden Zug gelangten wir zur nächsten Stadt und von da aus fuhren wir bis zur Stadt Grodno, wo wir unsere Familie trafen. Unsere Freude war grenzenlos. Ein neues Leben fing an. Aber auch da erwarteten uns Schwierigkeiten. Dies waren allerdings Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens. Wir waren frei, jung und voller Glauben an das Leben. Mein Bruder Abraham Margolis war zu der Zeit schon verheiratet mit der Tochter von Silberpfennig-Bulbischewitsch. Er wohnte mit der ganzen Familie in Lososna. Der Ort befand sich nicht weit von Grodno entfernt, etwa fünf Kilometer. Sein Haus stand in einer wunderschönen Ecke, wo man das Rauschen der Kiefern hörte und Nussbäume wuchsen. Der Fluss Lososjanka verlief an seinem Haus. Seine zwei kleinen Töchter wuchsen im Schoße der Natur auf. Wir und unsere Eltern lebten in der Stadt Grodno. Aber jetzt konnte man unser Leben nicht mit dem Leben davor vergleichen. Mein Vater war mal ein wohlhabender Mann, der die jüdische Tradition pflegte, tiefgläubig und gleichzeitig fortschrittlich. Er beherrschte die deutschen Sprachen und in seinen jungen Jahren liebte er es, sich sportlich zu betätigen, zu schwimmen – er war ein interessanter Mann. Dies weiß ich aus Erzählungen meiner älteren Brüder und Schwestern, denn ich wurde bereits unter schwereren Bedingungen geboren.