Esterka – überlebende der Shoa

Jetzt möchte ich eine Episode im Revier des Lagers beschreiben, an die ich mich noch 40 Jahre später erinnern kann. In einer Baracke im Revier, in der Orli Reichert, Lagernummer 502, „Lagerälteste“ war, wurde eine große Selektion durchgeführt. Es war im Jahr 1944, an das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern. Aus einer Baracke wurden alle Frauen in die Gaskammern geschickt. Die Baracke wurde von beiden Seiten verschlossen, sodass niemand hineingehen konnte, man durfte nicht mal in die Nähe. In dieser Baracke, in der die sogenannte Selektion stattfand, waren sehr viele gesunde Mädchen und Frauen, die in die Krankenbaracke nur gekommen waren, um sich von der Zwangsarbeit im Lager etwas „auszuruhen“. An diesem Tag kamen die Deutschen, um alle aus dieser Baracke zu liquidieren. Das Verladen der Menschen in die Lastwagen begann. Da wandte sich ein junges Mädchen an die Deutschen, hob ihr kleines Händchen in die Höhe und bat mit leiser Stimme: „Erlaubt mir zu leben, ich bin noch so jung. Ich flehe Sie an, Herr, nehmt mich für die Arbeit, ich bin gesund, ich kann arbeiten!!!“ Zur Antwort nahm einer von der SS seinen Knüppel und schlug sie mit furchtbarer Kraft. Das Blut floss. Unserer Meinung nach war es nicht möglich, dass dieses schmächtige Mädchen diesen Schlag aushielt. Doch plötzlich flüsterte sie erneut: „Erlaubt mir zu leben.“ Und wieder schlug der Deutsche das Mädchen. Nach dem zweiten Schlag hob das Mädchen ihr Köpfchen und in ihrem Gesicht gab es keine Veränderung, sie schaute nur traurig und ernst. Dann fiel sie hin und starb… Der deutsche Arzt Mengele sortiert alle Frauen dieser Baracke aus, obwohl er geschworen hatte, der Menschheit zu dienen. Aber er, dieser schöne, lachende Mörderarzt, gab den Befehl, sie in Krematorium zu bringen. Es gab diese schreckliche Szene, angefüllt mit Angst. Bis zum heutigen Tag, bis ans Ende meines Lebens, verfolgen mich diese Alpträume – die Alpträume von Oświęciem. Diese schwachen, verängstigten Mädchen und Frauen schrien, weinten und einige sangen. Man hörte sogar „haTikwa“ – die Hoffnung auf Freiheit!!!